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K&F Records

Noch ist Dresden nicht der Folk-Nabel der Welt. Aber das könnte sich schon bald ändern, denn das junge Dresdner Independent-Label K&F Records bietet talentierten Singer/Songwritern eine musikalische Heimat und schielt dabei ungeniert über den großen Teich.



"k&f records heißt nicht, dass hier die ganze zeit ein einzelner mann zur akustischen gitarre
weint, sondern bezieht auch breitwandigere bandformate mit ein.
"
(mario cetti und lars hiller)


Nach dem großen weiten Amerika soll der Label-Sound klingen: anmutend, episch, countryesk und sich zuweilen in den Unweiten der Electronica verirrend. Das jedenfalls haben sich Mario Cetti und Lars Hiller vom Dresdner Independent-Label K&F Records groß auf die Fahnen geschrieben. Hervorgegangen aus einer Künstler- und Kreativ Gemeinschaft, welche bereits seit einigen Jahren als Bookingagentur und Veranstalter von Dresden aus die Fäden zieht, will man zukünftig auch das Label „K&F“ wachsen lassen, dabei aber die regionalen Wurzeln nicht aus den Augen verlieren. Gleichzeitig möchte man sich aber auch nationalen wie internationalen Künstler nicht verschließen, sondern stattdessen Türen und Ohren offen halten. Die ersten beiden Band-Veröffentlichungen des Labels, die in Zusammenarbeit mit Broken Silence erschienen sind, stammen von The Poem is You und Garda.

Letzt genannte Formation setzt sich aus einem bunten Musikerkollektiv um Sänger und Texter Kai Lehmann zusammen. Gardas Grundidee, minimalistische Songs zu schreiben, die allein durch Lehmanns zerbrechliches Organ und einer Akustik Gitarre getragen werden, wurde schnell verworfen und die Stücke im Studio mit Streichern, Piano, Bläsern und Klarinette arrangiert. Das Schöne daran: Die Songs würden immer noch mit spärlicher Instrumentalisierung funktionieren, denn Lehmanns Stimme kann flüsternd schreien, so wie das vor ihm in jüngster Vergangenheit nur Damien Rice und Conor Oberst perfektioniert haben. Und so dürfte es dann auch kein Zufall sein, dass die Musik von Garda durchgehend wie eine geniale Mischung aus Bright Eyes und Damien Rice klingt. „Die, Technique, Die!“ gehört auf jeden Fall mit zu den besten Herbstplatten des Jahres 2008 und es ist eigentlich eine Schande, dass diesem wunderbaren Album nicht die mediale Aufmerksamkeit zuteil wurde, die sie verdient gehabt hätte.

Anders, aber kein bisschen schlechter, klingt die sechsköpfige Multi-Kulti-Truppe von The Poem is You, die auf „The Promised South“ feinsten Neo-Folk-Rock zelebriert. Hier werden zu lebensbejahenden Cowboyhymnen sympathische Verlierertexte gedichtet und die Vocals auf charmante Weise abwechselnd von beiderlei Geschlechtern vorgetragen. Elf verschrobene Kleinode sind so in kürzester Zeit entstanden, die in ihrer Gesamtheit süßer nach Western schmecken als eine honigverschmierte Bärenpfote.

Noch in den Startlöchern bei K&F Records steht eine Formation mit dem idyllischen Namen „bergen“, in der u.a. die beiden sympathischen Label-Betreiber selber zu Klampfe und Trompete greifen und rumpelnd warmen Folkpop zum Besten geben. Musikalisch wie textlich wandert man hier eng auf den Pfaden der großen Element of Crime. Für uns jedenfalls Anlass genug, um mit den beiden Labelbetreibern und Musikern ein kleines Gespräch zu führen.

Was hat euch beide dazu veranlasst, in Zeiten der globalen Musikkrise allen Unkenrufen zum Trotz in diesem Haifischbecken als Labelbetreiber aktiv zu werden? Und wofür steht in diesem Zusammenhang eigentlich die Abkürzung „K&F“?
Mario Cetti: "Die Unkenrufe haben wir zunächst einfach ausgeblendet. Wir sind in Sachen Musik leicht bekloppt und wussten einfach, dass wir das mit dem Label jetzt einfach angehen müssen. Von so was träumt man als selbst musizierender Mensch ja schließlich schon seit Blockflöten-Musikschul-Tagen."
Lars Hiller: "Das mit Haifischbecken hatten wir uns übrigens gar nicht so schlimm vorgestellt, wie wir es nun erleben. Wir waren selbst überrascht, wie wenige Platten heutzutage tatsächlich nur noch verkauft werden. Ich bin allerdings auch immer noch der Meinung, dass da etwas grundlegend schief läuft und sich vielleicht auch irgendwann wieder einrenkt. Musik zu produzieren und zu veröffentlichen kostet etwas und eine MP3, die man mit zwei Klicks kopiert hat, spiegelt da beim Konsumenten einfach keinen Wert wider.
Das Hauptproblem ist aber, glaube ich, ein anderes. Es gibt zu viele Bands. Die erste Generation Rock-Musiker ist ja gerade erst dabei abzutreten. Seither kamen kontinuierlich weitere dazu, mehr jedenfalls, als aufgehört haben. Die Kunstform ist überbevölkert. Es ist schon schwer, sich aus der Flut neuer Veröffentlichungen überhaupt herauszuheben.
Da wir beileibe auch kein großes, umsatzstarkes Label sind müssen wir da aber auch nicht so viel erreichen. Allerdings ist es schon ein wenig frustrierend, in welch geringem Maße man von den etablierten Musikmedien wahrgenommen wird. Das Album von Garda könnte tatsächlich viel mehr Menschen, als nur einen kleinen Kreis Eingeweihter glücklich machen, aber Qualität allein reicht leider nicht, um in der Musikpresse berichtet zu werden. Da sollte man nach gerade mal einem Jahr Label-Arbeit aber auch nicht zu viel erwarten."
MC: "K&F entlehnt sich im Übrigen von unserem Mutterschiff, den 'Kumpels and Friends“' Das ist eine Art Kreativgemeinschaft, die ursprünglich aus dem Erzgebirge kommt und heute im Dresdner Raum Booker, Bands, Grafiker, Filmemacher, Comic-Zeichner oder Werbemenschen vereint. Man kennt und mag sich untereinander und hilft sich gegenseitig und kostenfrei beim Umsetzen diverser Projekte."
LH: "Die Reduktion des Namens soll das Ganze einerseits offener, irgendwie neutraler klingen lassen, so dass eher die veröffentlichte Musik den Namen langsam mit Bedeutung füllt. Schließlich gibt es kaum etwas nichts sagenderes, als zwei Buchstaben als Name einer Sache. Außerdem wollten wir auch ein Stück weit weg von dem ursprünglichen Kumpels-Gedanken, eine Linie ziehen zwischen reiner Freundschaft und Kunst. Das ist wichtig für die Qualität auf dem Label. Idealerweise jedoch sollte beides zusammenfallen."

Viele Independent-Labelbetreiber werden vom Idealismus angetrieben, Musikkunst unter das Volk zu bringen, was ihnen dann beim Kreditgeber der hiesigen Bank zumeist nur ein gequältes Lächeln einbringt. Wie schwierig war es einen finanzkräftigen Partner für K&F Records zu finden, oder läuft die Finanzierung derzeit noch komplett über private Mittel?
LH: "Leider gibt es hierzu nicht allzu viel zu sagen. Es ist der pure Idealismus, finanzkräftige Partner sind weit und breit nicht in Sicht. Das Ganze finanziert sich aus privaten Ersparnissen. Die Idee ist auch nicht die, davon irgendwann reich zu werden, es würde auch schon reichen, beständig schwarze Zahlen zu schreiben. Das ist ja auch heute noch ein realistisches Ziel."

K&F Records ist im Großen und Ganzen für Singer/Songwritermusik reserviert, wie es auch aus eurem Pressetext sehr schön zu entnehmen ist. Gibt es in Deutschland, oder wo auch immer, ein vergleichbares Label, dass musikalisch eine ähnliche Philosophie fährt wie ihr und an dem ihr euch orientiert?
LH: "Ganz so sklavisch folgen wir der Singer/Songwriter-Idee dann auch nicht, aber es lässt auch nicht verhehlen, dass wir beide ruhigere Musik ganz gerne haben. Eine weitere Grundidee ist die, dass es auch in Deutschland Bands geben sollte und geben darf, die diese Art von Musik spielen und dabei glaubwürdig klingen. In Skandinavien ist das akzeptiert und sogar erfolgreich, in Deutschland rümpft man da eher die Nase, wenn eine Band zu amerikanisch klingt. Aber gerade an diesen urbanen deutschen Wohnzimmer-Folkpop kann ich selbst auch nicht so richtig ran."
MC: "Ich schon eher. Ich spiele in einer solchen Band. Zum Thema andere Labels fällt mir ein bisschen Glitterhouse ein, wenngleich die sich gefühlt ja eher an die alten Zausel und Familienväter wenden. Und das meine ich hier durchaus positiv. Uns verorte ich da doch ein gutes Stück jünger. Von der Organisation her mag man vielleicht noch Sinnbus nennen. Die machen musikalisch zwar was komplett anderes, wurzeln aber in einem ähnlichen Kollektiv-Gedanken."

Worauf basiert eure Affinität zu Genres wie Folk, Americana und Country? Gab es ein konkretes Erlebnis, das euch zu dieser Art von Musik brachte oder wie kam es dazu?
LH: "Die Nähe zu den besagten Genres resultiert daraus, dass wir beide schon länger in Bands spielen, die solche Musik machen. Dort haben wir mit der Zeit Freunde gefunden, eine Art Zuhause."
MC: "Das hast Du schön gesagt! Außerdem hast du mir vor Jahren mal ein Mixtape gemacht, das meiner musikalischen Sozialisation nochmal einen ganz neuen Impuls gegeben hat. Gebe ich ungern zu, war aber so."

Das Herzstück jeder Labelarbeit ist die Auswahl der „richtigen“ Künstler, welche im Idealfall dafür sorgen, dass durch die Veröffentlichung der Alben über die Kostendeckung hinaus ein Ertrag erwirtschaftet wird, um weitere Releases realisieren zu können. Wie geht ihr im Bereich A&R vor und nach welchen Kriterien entscheidet ihr, was gesignt wird und was nicht?
MC: "Nachdem wir mit den Kumpels and Friends ja auch viele Herzens-Bands beim Booking betreuen, fragen wir da auch manchmal gleich unverschämt nach, ob die nicht auch noch Lust auf ne Platte mit uns haben. Bei Garda oder The Poem is You war das zum Beispiel so. Ansonsten ist uns große musikalische Eigenständigkeit wichtig. Wir mögen keine Bands, bei denen uns beim ersten Hören bereits dreiundzwanzigeinhalb Referenzgruppen einfallen."

Zum Abschluss möchte ich mit euch noch einen kurzen Ausblick auf das Jahr 2009 wagen. Laut Pressetext werden im kommenden Jahr die (Debüt?-)Alben von „The Green Apple Sea“ und „Rumen Welco“ erscheinen. Sind weitere Veröffentlichungen in 2009 geplant? Wird darüber hinaus „The Sound of Bronkow – Vol. 2“ erscheinen, oder wie sind eure Compilation-Ambitionen?
LH: "2009 beginnt mit einem Album der Band bergen, auch von hier aus Dresden. Dann wird es ganz sicher ein zweites Album von The Poem is You geben, denn die sind unglaublich produktiv und da muss man auch einfach zügig hintereinander weg veröffentlichen.
Ganz besonders freuen wir uns darüber, dass The Green Apple Sea ihr nächstes Album bei uns rausbringen wollen. Das ist eine Band, die das, was wir hier machen wollen, in Deutschland so ziemlich als erste gemacht haben. Zusammen mit Missouri haben sie uns ganz maßgeblich beeinflusst in unserer musikalischen Entwicklung, dem Wunsch auf Tour zu gehen, egal wie klein der Laden ist und wie wenig Gäste an dem Abend da sind und eben darin, dass Songwriter-, Americana-, Folk was auch immer nicht zwangläufig aus Amerika kommen muss, um gut zu sein. Das Split-Album von Missouri & Green Apple Sea 'By The Time I Get To Phoenix' ist schon ewig eine meiner Lieblingsplatten."
MC: "Auf Rumen Welco freuen wir uns auch sehr. Schon seit vielen Jahren meine Lieblingsband hier in Dresden. Das ist dann deren Debüt auf einem Label und die Platte wird ganz sicher großartig. Leider brauchen die eine gefühlte Ewigkeit, um das Album fertig aufzunehmen, was uns aber irgendwie auch hilft, mit dem Budget zu haushalten."
LH: "Zu Sound of Bronkow: Wir werden über das Jahr Beiträge sammeln, sind da auch immer sehr offen für randständige, völlig unbekannt Künstler und wenn genug beisammen ist, dann veröffentlichen wir auch Volume II. Das wird wahrscheinlich jedoch eher erst Anfang 2010."
foto: frank grätz


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Sprechstation Verlag

The points are not the point; The point is poetry.
Der viel zitierte Ausspruch des Slampoeten Allan Wolf weist auch den Weg des Sprechstation Verlages, der sich seit 2003 mit Künstlern aus der Poetry Slam- und Spoken Word-Szene befasst.



"und das plakat ist wie ein spiegel deiner selbst; zerrissen und kaputt und die reste treibt der wind."
(menschliche fackel)


Poetry Slams haben eine lange Geschichte, die man ihnen heute, wenn sie im Privatfernsehen oder als VHS Workshop daherkommen vielleicht nicht mehr ansieht. Zurück bis zur performativen und subversiven Kraft der Beat Generation in den 50er und 60er Jahre der USA – man denke etwa an Allen Ginsbergs Lesung seines brachialen Gedichtes "Howl" - bis schließlich zum Entstehungsmythos und Marc Smith, dem Slampapi, im Chicago der 80er Jahre, geht die Spoken Word Bewegung, bis sie in den frühen 90er Jahren auch in Deutschland angelangte. Smith, der als Schöpfer dessen, was wir heute als Poetry Slam kennen, gilt, war ein begeisterter Besucher von sowohl Jazzkonzerten als auch Lieteraturlesungen und bemängelte an letzteren das Ausbleiben der Spontaneität, Kreativität, Improvisation und Begeisterung ersterer. Durch das Aufstellen von Regeln, die bis heute Gültigkeit haben, gelang es ihm Open Mike Darbietungen mit eben jenen Mitteln zu würzen, die aus der verstaubten Tisch-und-Wasserglas-Borniertheit einen dynamischen, unvorhersagbaren, interagierenden Showcharakter heraus kitzelten. „My first rule was never allow a poet to overstay his or her welcome. I encouraged the audience to boo, hiss, groan and snap them off the stage“, lässt sich Smith zitieren. Das Publikum als Jury einzusetzen ist neben einem strikten Zeitlimit, der eignen Urheberschaft des dargebotenen Textes und der „No-Props-Regel“, die es dem Slammer untersagt Requisiten einzubinden, der formale Eckstein, derden Poetry Slam sowohl reglementiert als auch definiert. Die allein formale Beschränkung erlaubt eine immense Stilvielfalt, die von klassischen Stabreim-Gedichten, über rhythmischem Rap bis zum interagierenden Freestyle reicht und dem Slampoeten inhaltlich prinzipiell eben soviel Freiheiten zugesteht.

In der „sozialen wie kulturellen Gefriertruhe“ (Martin Büsser) Deutschland der 90er Jahre, entwickelte sich eine eigenständige literarische Bewegung, die in ihrer Heterogenität an die amerikanische Beat Generation erinnerte und gleichsam von dieser geprägt war: Social Beat. Das Anliegen war es, den akademischen Literaturbetrieb und dessen angeprangerte konservative Unbeweglichkeit aufzubrechen, nicht zuletzt mittels sozialkritischer Texte, die sich inhaltlich am Rand der Gesellschaft ansiedelten. Wenige Jahre später ging das Netzwerk Social Beat im emporkommenden Poetry Slam auf, der sich bis heute in den Städten des Landes etabliert hat und sogar als aufgepeppte Lyrikvariante im Schulunterricht der Mittelstufe Einzug gehalten hat.

Der 2003 gegründete Konstanzer Sprechstation Verlag, heute geleitet von Charlotte Rieber und Thomas Geyer, veröffentlicht unter anderem audiovisuelle Publikationen dessen, was an kreativem Potential bei Slammern und Spoken Word Poeten im deutschsprachigen Raum hervor sticht. Mit einer sehr gelungenen Dokumentation des German International Poetry Slams 2003 mit dem Titel "Poesie Auf Zeit" als DVD, nahm der kleine Verlag seine Arbeit auf. Die Auswahl der vertretenen Künstler auf den folgenden CD Veröffentlichungen - Bas Böttcher, Toby Hoffmann, Etta Streicher, Gabriel Vetter und Jaromir Konecny seien hier exemplarisch genannt – besticht nicht nur durch stets schön gestaltete Cover und Innovationen in rezeptionsästhetischer Hinsicht, sondern kann auch als zeitnaher Beleg dafür angesehen werden, dass Popliteratur nicht immer blasierte Attitüde und das unbedingte heraufbeschwören von generationsdefinierenden Kollektiverlebnissen sein muss. Sowohl im geschickten sprachlichen Erfindungsreichtum von Etta Streicher und Toby Hoffmann, als auch im gelungenen Verbinden von Musik und Lesung bei den Beatpoeten, zeichnen sich die jüngsten Sprechstation Veröffentlichungen durch eine anspruchsvolle Auswahl aus. Inhaltlich weiß man ebenfalls einen Kontrast zum comedyesken Literaturklamauk und seiner Beliebigkeit zu setzen, der das Format Poetry Slam bei oberflächlicher Behandlung recht schnell auf seine amphitheaterhafte Showattitüde reduzieren kann.

Als einige terminliche Schwierigkeiten überwunden waren, konnte ich ein ausführliches Gespräch mit Charlotte Rieber über den Stand der Dinge in Sachen Poetry Slam und Spoken Word führen.

Du betreibst den 2003 gegründeten Sprechstation Verlag gemeinsam mit Thomas Geyer. Ihr kommt beide aus dem akademischen Betrieb - Thomas als Soziologe, du als Literatur- und Medienwissenschaftlerin -, eben jenen vermeintlich festgefahrenen Mechanismen, von denen sich sowohl Slam Poetry als auch seine Vorgänger zunächst zu distanzieren versuchten. Betrachtet man dies, scheint es eine recht seltsame Konstellation zu sein.
"Gar nicht seltsam! Man könnte sagen, dass mit der Idee zum Poetry Slam der Versuch einher geht, eine literarische Welt abseits des elitären Literaturbetriebs zu etablieren, was auch halbwegs gelingt. Unabhängig davon erlebt das Veranstaltungsformat in Deutschland gerade einen großen Boom und wird mit steigendem Bekanntheitsgrad zunehmend auch von wissenschaflicher Seite rezipiert. Und dagegen konnte sich über kurz oder lang noch keine künstlerische Form wehren. Die Wissenschaft würde ich auch nicht als Mechanismus bezeichnen, eher als Werkzeug der Beobachtung. Und dazu kommen wir nicht über die Uni zum Slam. 2002 haben wir angefangen, Poetry Slams und Lese-Shows in Konstanz zu veranstalten. Und 2004 den Verlag gegründet."

Inwiefern spielen in der gegenwärtigen Poetry Slam Szene noch Wurzeln wie die Beat Generation der 1950er in den USA oder Social Beat der 1990er Jahre in Deutschland ein Rolle? Dass zumindest erstere in Einzelfällen noch im Bewusstsein sind, lässt sich aus Verweisen schließen, wie etwa der Ginsberg Homage "Allen Ginsberg Is Dead" von Toby Hoffmann oder der Nachempfindung des Covers der 1991 erschienen Ausgabe von Jack Kerouacs "On The Road" bei der aktuellen CD Veröffentlichung der Beatpoeten aus Eurem Hause.
"Das hängt sehr vom jeweiligen Autor ab. Poeten wie Toby Hoffmann oder Egge von den Beatpoeten stellen sich bewusst in diese Tradition und orientieren sich in ihrem Schreiben ganz klar an Beat-Autoren . Aber im Slam treffen so viele Einflüsse, Textformen und Vortragsstile zusammen, da ist der Beat nur eine von vielen literarischen Strömungen, die aufgegriffen werden. Die Slam-Szene zeichnet sich meiner Meinung nach vor allem dadurch aus, dass in ihr so viele verschiedene literarische Traditionen zusammenkommen und vermischt werden - total postmodern eben..."

Poetry Slam hat sich gerade in den letzten Jahren an vielen Stellen in den Alltag eingeschlichen oder - je nach Sichtweise - beispiellos vom Mainstream verwässern lassen. Inwiefern nehmen TV Sendungen wie "Slam Tour mit Sarah Kuttner" oder ähnliche massenmedialen Formate Einfluss auf Form und Inhalt des Poetry Slams dieser Tage und inwiefern ist dies begrüßenswert oder bedenklich?
"Da bin ich zwiegespalten. Ich selbst bin kein Freund von Slam im Fernsehen. Aber das liegt vielleicht auch daran, dass ich generell kein Freund vom Fernsehen bin. Letztendlich ist es mir egal. Klar dass ein weltweit funktionierendes, neuartiges Veranstaltungsformat auch von der Welt des Mainstream adaptiert wird, das hat aber in meiner Wahrnehmung keinen Einfluss auf die sonstige Slam-Veranstaltungswelt. Eher wird damit ein Slam-fernes Publikum an die Sache herangeführt, was nicht verkehrt sein muss und Projekten wie unserem Verlag nur dienlich ist. Die Szene im deutschsprachigen Raum ist nach wie vor recht übersichtlich, die Veranstalter von Slams sind in der Regel Privatleute mit viel Begeisterung für die Sache. Mein persönliches Horrorszenarium wäre ein Massen-Event-Slam in Berlins neuer O2-Arena, aber sowas schreckliches wird es bestimmt nie geben. Ich finde die Fernsehshows bestätigen: Slam ist mal besser mal schlechter, hat Ecken und Kanten, ist en gros nicht massentauglich und erscheint in der glatten Welt der Kai Pflaumes und Johannes B. Kerners fehl am Platz."

Was hätte man deiner Meinung nach wann anders machen sollen?
"Das Fernsehformat hätte vielleicht mehr Charme gehabt, wenn man in die Planung Szenekenner mit einbezogen hätte. In der WDR-Show stellt Jörg Tadeusz komische Fragen, die den Eindruck erwecken, dass er zum einen keine Ahnung von der Szene hat und sich auch nicht für die Leute interessiert. Und dann wird mit abartigen Schnitten und Kameraeinstellungen versucht, den Text noch visuell zu unterfüttern. Da entsteht aber leicht der Eindruck, dass man die vermeintlich mangelnde Qualität der Texte durch beeindruckende Kameratricks aufzuwerten trachtet. Kuttners Konzept geht wesentlich besser auf, da sie vor allem als Slam-Besucherin in Erscheinung tritt und tatsächliche Veranstaltungsorte aufsucht, also dahin geht wo Slam 'for real' stattfindet und funktioniert. Aber eine Slam-Show im Stil von Nightwash, moderiert von Markim Pause, das wäre sicher schön. Wobei das letztendlich auch keiner braucht, weil wer einen guten Slam sehen will, geht am besten einfach hin."

Ab wann könnte diese Entwicklung bedenklich werden?
"Eine Crew wie 'Drei glorreiche Hallunken', mittelmäßige Slammer die von einem großen Label gehyped werden, das finde ich – bedenkenswert? – naja, vor allem total unnötig."

Die Offenheit der gewählten Inhalte und der darstellerischen Methoden auf der einen Seite, und die Abhängigkeit des Erfolges vom Publikum auf der anderen Seite, werden von verschiedenen Beobachtern als zwei Seiten einer Medaille im Bezug auf Poetry Slams betrachtet: Größtmögliche Freiheit vs. inhaltlicher Manierismus. Inwiefern kann ein solches Format die subversive Sprengkraft der dargebotenen Literatur untergraben, im schlimmsten Falle sogar auflösen? Und: Inwiefern würde das überhaupt als Problem wahrgenommen, wird eine Gegenbewegung zum unbeweglichen Establishment überhaupt als notwendig erachtet?
"Der Erfolg beim Publikum spielt wohl doch eher nur eine kleine Rolle. Wie gesagt, die Szene ist immernoch übersichtlich, die Poeten freuen sich in der Regel bei Slams die Kollegen zu treffen, der Preis ist mit wenigen Ausnahmen ein symbolischer, eine Flasche Alkohol, Bücher oder CDs. Im Wesentlichen geht es beim Slam darum, Menschen zu ermöglichen kurze, selbstgeschriebene Texte einem Publikum zu präsentieren. Den Wettkampf nehme ich nur als den spielerischen Rahmen für diesen Kerngedanken wahr. Und die meiste Slampoetry zielt auch nicht unbedingt darauf ab, subversiv zu sprengen, sondern in irgend einer Weise als eine gute Show zu unterhalten ohne borniert zu sein."

Franz Dobler behauptet in einer Bemerkung: "Es gibt viel Literatur, die eigentlich nur live existieren will -- was ja auch okay ist. Aber was auf der Bühne fetzt und die Leute begeistert, weil jemand es intensiv bringt, so wie bei einer Band, das muss im Buch nicht unbedingt funktionieren." Disqualifiziert dieses Live-Argument auch Eure Verlagsarbeit, wenngleich ihr keine Bücher sondern CDs, bzw. DVDs veröffentlicht? Was hältst du dagagen?
"Genau darin liegt unser Ansatz: Live-Literatur die fetzt medial vermittelbar zu machen. Schon bei den ersten Slams, die ich gesehen habe, wollte ich am liebsten ein paar der Texte mit nach Hause nehmen. Als dann immer mehr Buch-Anthologien herauskamen, hat mir das nicht gereicht, weil ich eben auch überzeugt bin, der bloße Abdruck gibt häufig nur den Bruchteil eines Slam-Textes wieder. Von der live erlebten Poetry bleibt da oft beinahe nichts mehr übrig. Aus solchen Erfahrungen entstand die gemeinsame Idee einen eigenen Verlag zu gründen, mit dem Ziel Produkte zu schaffen, die einer von der Schriftlichkeit losgelösten literarischen Form gerecht werden. Mit unserer ersten Veröffentlichung, der DVD 'Poesie auf Zeit' haben wir einen Versuch unternommen, Slam audiovisuell einzufangen und auch im Wohnzimmer erlebbar zu machen. Vom Ergebnis waren wir nur mäßig überzeugt. Aus vielen Gründen haben wir danach nur noch CDs gemacht. Und auch wenn das Medium CD offensichtlich ausstirbt, denke ich, das Audioformat ist im Moment die beste und praktikabelste Lösung um grandiose Live-Literatur abseits der Bühne zu vermitteln, zu reproduzieren und damit nicht zuletzt auch zu archivieren."
foto: sprechstation


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gabriel vetter
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Haute Areal

Théâtre du Nuit.
Das Berliner Label Haute Areal betrachtet die heterogene Auswahl ihrer Musiker als Konzept, welches jetzt mit einer eigens gestalteten Kompilation in Gänze präsentiert wird.


"´don't fuck with the man!"
(haute areal über the man no. 9)


Auf der höchsten Ebene, erhaben sozusagen, bewegt sich das Berliner Label Haute Areal. Zumindest dann, wenn man den französischen Namen betrachtet. Diese Plateau mag man auch im übertragenen Sinne als eine Plattform betrachten, welche die Berliner mit ihrem Label recht außergewöhnlichen Musikern bieten wollen.

Da sind beispielsweise Werle & Stankowski, ein Duo, welches vom Label selbst als "Bob Dylan trifft Aphex Twin in Kingston" beschrieben wird. Lauscht man den Stücken der beiden Herren, muss man dem seltsamen Statement mit einem Lächeln recht geben, obwohl weder die Stimme an den näselnden Bob Dylan, noch der Sound an den vertrackten Richard James direkt erinnern. Das New Yorker Duo Schwervon! hingegen dürfte in den umtriebigeren Indie und Anti-Folk Kreisen durchaus bekannt sein. Musikalisch in eine ganz andere Richtung geht dann wie selbstverständlich Sedlmeir, der 80er Jahre Synthies und Hardrockriffs vermengt und zum Tanz provoziert: "Schmeißt die Jacke weg, zieht die Nase hoch und haltet den Kindern die Ohren zu". Die reduzierte Besetzung der Bands im Hause Haut Areal wird lediglich durch The Man No. 9 durchbrochen, einer recht anarchischen achtköpfigen Band zwischen dem Go! Team, dem A-Team, Klingeltönen und White Trash Synthies. Schön!

Dieses bunte Konglomerat an unterschiedlichsten Spielweisen haben Haute Areal jetzt auf einer äußerst ästhetischen Label Kompilation vereinigt. Da man Wert auf guten Geschmack legt, tat man sich anlässlich der Veröffentlichung von "Théâtre de Nuit" mit dem Modelabel éveil zusammen, von welchem ein dezent gehaltenes T-Shirt in schwarz-weiß Optik entworfen wurde, um die Platte, die Musik, die Kunst und sich selbst gebührend zu feiern. Für uns Anlass in einem kurzen Gespräch mit Co-Labelchef Frederik Fröse mehr zu erfahren.

Die Musiker auf Haute Areal sind trotz sehr unterschiedlicher Spielweise und Genres doch insofern unter den obligatorischen Hut zu bringen, dass sie in ihren jeweiligen Stilen sehr eigenständig sind und sich nicht von gängigen Klischees lenken lassen. Dennoch werden mit Musikern wie Sedlmeir auf der einen und Schwervon! auf der anderen Seite sehr unterschiedliche Hörergewohnheiten bedient. Ist Heterogenität Teil des Konzeptes Haute Areal?
"So schön hat das bisher noch niemand gesagt. Ja, ich denke das ist so. Wir wollten einfach keine Band unter Vertrag nehmen, die einer unserer Bands ähnlich ist, weil sich sonst automatisch ein Vergleich und eine Abstufung ergeben hätte. Von ihrer Art ist jede unserer Bands die beste. Das ist es, was wir erreichen wollten. Es gibt keine Konkurrenz innerhalb der Familie."

"Marktführer". Recht ironisch, so will ich meinen, prangt da ein Begriff in eurem Pressetext, den ihr sowohl auf euch selbst, als auch auf das Modelabel "éveil" bezieht. Aber im Ernst, wie schwierig ist es sich "am Markt" zu etablieren, wenn man sich auf die Fahnen schreibt, eher weniger zugängliche Musiker unter Vertrag zu nehmen? Und wie hat sich die Situation, die Intensität und der Arbeitsaufwand seit eurer Gründung 2001 verändert?
"Auf jeden Fall schwieriger als wir dachten. Man muss eben lange durchhalten, immer mehr investieren, einen Katalog aufbauen, Kontakte knüpfen und lernen. Wir arbeiten jetzt wesentlich mehr für das Label als früher. Damals war es bloss ein Scherz oder Hobby und jetzt ist es ein Fulltime-Job. Das mit dem "auf die Fahne schreiben..." haben wir sowieso abgelegt. Wir machen einfach was uns gefällt. Wenn uns was begeistert, dann unterstützen und machen wir das."

Gerade im Augenblick, in dem Indie als Schlagwort kontext- und somit auch belanglos zu werden scheint, die Ästhetik von LoFi und unabhängigen Produktionen genreübergreifend von der Industrie wie ein Schwamm aufgesaugt werden, erscheint es zunehmend schwerer zu werden, sich als Label zu behaupten und relevant zu bleiben. Wie seht ihr diese Entwicklung, bzw. geht ihr damit um?
"Das hat es ja immer schon gegeben. Die sind nur heute schneller. Ich glaube es zeigt sich bei näherer Betrachtung immer recht schnell ob ein Stil nur kopiert wird oder wirklich gelebt und mit Inhalt gefüllt wird. Außerdem ist es im Endeffekt auch egal. Man kann sich ja nicht allein auf irgendeine Szenenzugehörigkeit berufen, wenn es um die Qualität von Kunst geht. Entweder das Zeug ist gut oder eben nicht. Es gibt z.B. ganz grauenhafte Indie-Bands und im Gegensatz dazu ein paar Kommerzschweine, die echt spitze sind."

Im Zeitalter des digitalen Downloads, der nach den neuen Berichten der Musikindustrie kaum einen wirkungsvollen Beitrag zu dessen Niedergang geleistet zu haben scheint, wird immer weniger Wert auf Design, auf das künstlerische Element neben der bloßen Musik gelegt. Wie wichtig sind Zeichen wie eure Kompilation in diesen Tagen?
"Enorm wichtig. Der Vorteil von Pop gegenüber ernster Musik ist ja, dass die Inszenierung von der Namensgebung bis zum Artwork und der öffentlichen Haltung fester Bestandteil des Werkes ist. Das ist einer der Gründe warum wir das überhaupt alles machen. Sonst würden wir im stillen Kämmerlein für Player-Piano komponieren. Das ist auch cool."

"Théâtre de Nuit" lässt nicht nur vom Titel an den Film Noir der Vierziger und Fünfziger Jahre denken. Düster sind sowohl das Design des Covers, als auch das dazugehörige Shirt. Aber düster nicht im Sinne von Pessimismus, Entfremdung und Furcht, sondern auf sehr ästhetische, fragile Weise. Wie habt ihr euch konzeptionell auf das Thema, auf den Rahmen eurer Kollaboration geeinigt?
"Das hat komplett Markus Buddenbrock von eveil übernommen, aber er weiß was uns gefällt. Wir sind ja selber auch ziemlich fragil, vor allem der Ingo (Petraschewski, die zweite Hälfte der Chef Etage von Haute Areal, Anm. d. Ver.)."

Welche Art von Verbindung, außer dem Faible für das Französische, besteht ansonsten zwischen Haute Areal und éveil?
"Wir sind Freunde und haben einen ähnlichen Geschmack. Außerdem versucht er in seinem Bereich das Gleiche wie wir und es gibt wenig schöneres als sich gegenseitig zu featuren."
foto:



haute areal
éveil
werle&stankowski
schwervon!
sedlmeir
the man no. 9

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Records&Me

Im Sommer 2004 hatte die dänische Band Cartridge eine Autopanne, die sie auf der Reise in den Süden bereits in Hamburg aufhalten sollte. Solche Ereignisse sind oft wenig rühmlich, noch weniger erfreulich und schon gar nicht erinnerungswürdig. Schließlich geschieht dies doch jedem irgendwann einmal.


"champagne to all our elder female guests."
(like a stuntman, hairy diamond breats)


Mit dieser besonderen Autopanne in jenem Sommer hängt jedoch unweigerlich die Gründung des jungen Hamburger Labels Records&Me zusammen. Hannes Langner – Label Chef, wenn man so will – traf so auf besagte Band, verliebte sich in deren Musik und entschloss sich damals gemeinsam mit einem Freund dazu, den Kampf gegen die Windmühlen der Musikindustrie aufnehmen zu wollen.

Heute, gut zwei Jahre später, kann das Label bereits auf einige bemerkenswerte Platten zurückblicken. Aktuell sind da zum Beispiel das Debüt Album besagter Band Cartridge – "Enfant Terrible" -, dass durch Abwechslung, ausgereiftes Songwriting und vor allem dem charismatischen Gesang von Mathias Wullum Nielsen überzeugen kann. Die Marburger Band Tent hingegen, von der Presse mit Vorschusslorbeeren für ihre Debüt EP "Do Something" bedacht, verliert sich leider eher im allgegenwärtigen Schrei nach schlichtem Uptempo Indierock. Der Schritt zu Figurines, Maximo Park, The Killers etc. ist nicht weit, was dem Label zwar einige verdiente Aufmerksamkeit bescheren dürfte, jedoch ist die Veröffentlichung an sich eher belanglos; Der Griff zu den „Originalen“ – wenn man so will – liegt näher. Dennoch muss man gestehen, dass ein so dichtes Debüt selten sein dürfte.

Was das Frankfurter Quartett Like A Stuntman wiederum anbelangt, so darf man deren aktuelle EP "Stan Places" getrost jedem ans Herz legen! Die Sozialisation in den von Pavement dominierten Neunzigern des letzten Jahrtausends hört man hier und da durch, aber trotzdem bleibt die Band eigenständig genug, um sich klar abzusetzen. Wunderbar vereint man in den Songs den lakonischen Gesang von Sven Fritz mit akustischer und elektronischer Spielweise, schwebt anmutig zwischen LoFi Pop und sich dekonstruierenden Soundspielereien die an Tunng oder die Books erinnern, denen aber dennoch ein klar strukturiertes Songwriting obliegt. Dabei bleiben sie intelligent genug über jede Referenzhölle erhaben zu sein und sich so wenig um gängige Klischees zu bemühen, wie man es sich nur wünschen kann. Und obwohl sich Like A Stuntman kaum über die 3 Minuten Grenze hinwegbewegen, verzichten sie nicht auf einen langsamen, verschachtelten und detailverliebten Aufbau eines jeden ihrer Stücke. Awesome!

Was dennoch bei allen drei angesprochenen Bands deutlich wird, ist, dass in jedem Fall mit Liebe zur Musik gearbeitet wird. Hingabe. Intimität. All das. Records & Me eben. So klingt der Labelname selbst nach eben jener sehr persönlichen Beziehung zwischen dem Musiknerd und seiner Plattensammlung. Der gleiche Eindruck wird auch vermittelt, wenn man sich auf die Homepage des Labels begibt und dort von dezenten, aber aussagekräftigen Fotos empfangen wird.

Woher stammt der Name, bzw. was bedeutet er für dich, Hannes?
"Im Grunde hast du die Antwort ja schon gegeben. Es geht nicht nur um die Musik, sondern auch um den Tonträger als solchen. Zwar mag das in diesen Zeiten etwas merkwürdig, vielleicht sogar naiv wirken, aber für mich spielen Tonträger nach wie vor eine große Rolle. Natürlich geht es immer in erster Linie um die Musik, ganz klar. Der Tonträger hat aber seit der Einführung der CD, insbesondere aber natürlich in den letzten Jahren, deutlich an Bedeutung verloren. Ein schönes Artwork sagt eine Menge über eine Band aus und kann daher auch dazu beitragen die Musik vielleicht besser zu verstehen. Leider legen da in den letzten Jahren viel weniger Künstler wert drauf, deshalb verliert die CD weiter an Bedeutung. Dazu trägt natürlich auch das Format CD bei. Da ist ganz einfach weniger Platz als beispielsweise noch auf einem Schallplatten-Cover. Dennoch hat man auch bei der CD die Möglichkeit den Tonträger liebevoller zu gestalten als die meisten Künstler es tun. Das soll gar keine Kritik sein, wenn ein Künstler oder eine Band da keinen Wert drauf legt, dann ist das eben so. Ich finde es aber schade. Meine CD Veröffentlichungen sind bisher allesamt recht aufwendig gestaltete Digipacs. Und Meine Bands finden das großartig, geben sich mit dem Artwork immer viel Mühe und nutzen auch dieses Medium um ihren Stil zu präsentieren."

Als ich mich letztens mit Ilias von SeaYou Records unterhielt, erklärte mir dieser, dass er eigentlich gar kein Label betreiben wollte. Betrachtet man deine Geschichte, sieht das ja auch alles andere als nach von langer Hand geplant aus. Wie kommt es, dass dann am Ende doch ein Label dabei heraus kommt?
"Auch bei mir war das Zufall. Zu dem Zeitpunk, als ich Cartridge kennenlernte war ich zwar bereits Praktikant bei einer großen Plattenfirma, aber auch das nur, weil mir dieser Platz von einem Freund vermittelt wurde und ich nicht wusste was ich sonst machen sollte. Als ich Cartridge dann traf wusste ich sofort, dass ich diese junge Band unterstützen wollte. Da lag es einfach auf der Hand mit einem Freund die Ersparnisse zusammenzukratzen und eine Platte zu veröffentlichen. Allerdings sollte es ursprünglich bei dieser Platte, oder zumindest dieser Band bleiben. Irgendwie lief es dann immer weiter, das Feedback war von allen Seiten so positiv, dass wir ziemlich schnell vor der Frage standen, ob wir das Label nicht ein wenig „ernsthafter“ betreiben wollten. Lennart, mit dem ich bei den ersten beiden Veröffentlichungen zusammen gearbeitet hatte, wollte sich vernünftigerweise lieber seinem Studium widmen und so habe ich dann, vielleicht auch mangels Alternativen, gesagt: gut, dann versuch ich das jetzt einfach mal allein. Mit PIAS als Vertrieb hatte ich dann natürlich auch die Möglichkeiten dazu. Heute ist Records&Me ein Vollzeit-Job, auch wenn ich noch nicht davon leben kann."

Dein initiales Zusammentreffen mit Cartridge ist eine dieser Geschichten, die einem Label einen äußerst angenehmen Charme verleihen können. Wie kamen die Kollaborationen mit Tent und Like A Stuntman zustande?
"Christian von Like A Stuntman arbeitet zusammen mit einigen meiner Freunde bei Station 17, einer Band mit behinderten Menschen. So hab ich sie kennengelernt. Als ich Like A Stuntman dann das erste Mal live sah war sofort klar, dass ich diese Band bei Records&Me haben wollte. Zum Einen passte es menschlich sofort, zum Anderen haut einen diese Band live einfach um! Bei Station 17 arbeiten übrigens auch zwei Bandmitglieder von The Sea, die im Frühjahr ihre erste Single bei mir veröffentlichen werden. Tent hat mir ein Freund empfohlen. Auch da bin ich auf’s Konzert gegangen, hab mir die Band angehört; Es wurde Bier getrunken, am nächsten Tag Kaffee... Auch da war schnell klar, dass wir sehr ähnliche Vorstellungen haben und vor allem, dass wir uns verstehen. So spektakuläre Geschichten wie bei Cartridge kann ich da leider nicht bieten."

Das Wort "Indie" erscheint heute ja mehr und mehr zu einem leeren Begriff zu werden. Dennoch hat es im Grunde sehr viel mit Idealismus und DIY Attitüde zu tun. Werte, die man im "Musikgeschäft" allemal mit stolz hochhalten darf. Wie gehst du heute mit dem Begriff Indie um und was bedeutet er für dich und dein Label?
"Natürlich ist 'Indie' mittlerweile in erster Linie eine Schublade. Für mich bedeutet es aber, im Bezug auf Records&Me, dass wir machen können worauf wir Lust haben. Es gibt jede Menge Regeln die man bei einer Veröffentlichung beachten sollte. Der Begriff „Indie“ erlaubt mir aber auch mich über vieles hinwegzusetzen und eben unabhängig von diesen Regeln mein Ding durchzuziehen. Ich bin alles andere als Experte in der Musikbranche und habe auch kaum Erfahrungen. Bei Recrods&Me wird einfach gemacht was alle für sinnvoll halten. Bisher klappt das ganz gut."

Wie ist das Verhältnis von Label und individueller Band? Und wie ist vielleicht auch das Verhältnis von dir persönlich zu den Bands, falls das nicht zu indiskret ist?
"Da wir ja erst seit kurzem wieder zu zweit bei Records&Me sind, ist mein persönliches Verhältnis eigentlich gleichzusetzen mit dem von Records&Me zu den Bands. Ganz einfach auch, weil mir ein persönlich gutes Verhältnis zu den Bands wichtig ist. Mit Cartridge verbindet ich in erster Linie Freundschaft und erst dann eine Art „Geschäftsbeziehung“. Wobei Geschäftsbeziehung hier ohnehin kein gutes Wort ist. Ich würde eher Partnerschaft sagen, da keiner Entscheidungen ohne Einwilligung des anderen trifft. Genau so ist es auch bei Like A Stuntman und Tent. In erster Linie sind wir Freunde. Das ist mir auch sehr wichtig, denn sonst würde mir dieser Job keinen Spaß machen. Zwar bringt das natürlich gelegentlich auch Probleme mit sich, letztendlich haben wir aber alle die gleichen Vorstellungen von dem was wir gemeinsam erreichen wollen und können. Konflikte über beispielsweise Vorgehensweisen lassen sich da schnell klären. Vertrauen und gegenseitiger Respekt sind dafür aber sehr wichtig."
foto: lisa notzke



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Seayou Records

Wien. Die Spex attributierte die österreichische Hauptstadt mal als "Hochburg des gepflegten Abhängens in Helmut Lang Anzügen" und "Hauptstadt der selbstzufriedenen Langsamkeit“. Die Zeiten ändern sich selbstverständlich und der elitäre Habitus und die Vorherrschaft downbeatesker Klänge scheinen zu Gunsten neuer Ideen und Einflüssen abgestuft worden zu sein.


"i've got a mothfull of promises, i've got a handfu of lousy kisses."
(paper bird, mouthful)


In der Tat tut sich viel in der eineinhalb Millionen Einwohner zählenden Stadt. Für Aufruhr sorgt vielleicht auch ein sehr kleines und noch viel jüngeres Label, dass auf den Namen SeaYou Records hört. Seit Februar diesen Jahres wird es von Ilias Dahimene betrieben und teilt seinen Namen unter anderem mit einer Yacht Firma aus Korfu und einem japanischen Kurzfilm. In einer so kurzen Zeit liegt es auf der Hand, dass der Katalog an Veröffentlichungen noch recht schmal ist. Genau genommen handelt es sich dabei lediglich um eine 7 Inch und um ein CD Album. Trotzdem relevant für eine nähere Betrachtung? Allerdings!

Erwähntes Vinyl beherbergt vier Songs der Wiener Band Go Die Big City! (bei der Ilias selbst Floor Tom und Snare Drum spielt, "was mich in die glückliche Position bringt am lautesten zu sein"), die man neben dem wunderbaren Namen auch noch für ihre innovative Musik beglückwünschen darf. Um sich selbst zu helfen, darf man bei der Beschreibung wohl am ehesten auf das amerikanische Go! Team und die australischen Architecture In Helsinki zurückgreifen, verquickt mit einer Spur Anti Folk. Ohne dabei auszulassen, dass man sich von ersteren die kreative Respektlosigkeit gegenüber den Altmeistern der Popmusik, von den Architekten die ungenierte Integration unterschiedlichster Instrumente entliehen hat. Wenn da zwei Blockflöten aufeinander treffen, wie andernorts E-Gitarren, klingt das nach Dilettantismus im ursprünglichsten Sinne und eben nach Anti Folk Schule; man macht Musik um ihrer selbst willen. Ungestörte Selbstexpression. "We don’t need any reason" (Supernatural Kids Rule), singt man dann auch folgerichtig. Yeah!

Die zweite Veröffentlichung bezieht sich auf Anna Kohlweis, die - neben einer äußert kreativen künstlerischen Tätigkeit - unter dem Pseudonym Paper Bird im Singer/Songwriter Universum verankert ist. Die ebenfalls zu den Wildfängen von Go Die Big City! gehörende Anna, zeigt auf ihrem Debüt Album eine ganz andere Seite ihrer musikalischen Ideen. Maßgeblich von der Akustikgitarre getragen, akzentuiert mit Flöte, Glockenspiel oder Fieldrecordings, beeindruckt sie vor allem durch ihren charismatischen Gesang, bei welchem sie sich als auffallendes Stilmittel immer wieder selbst mehrstimmig begleitet. Die Leidenschaft und Liebe zum Detail wird auch deutlich, wenn man das Cover zu "Peninsula" – vgl. die Luxushotelkette aus Hongkong (sic!) – betrachtet; Ein selbst gebastelter Schriftzug hängt zwischen zwei Bäumen, buntes Laub fliegt durch die Lüfte – alles ist artifiziell und doch bezaubernd homogen und natürlich. Großes Kompliment!

Überhaupt behält man bei Seayou alle Produktionsmaßnahmen in den eigenen Händen, was sich in liebevoll gestalteten Details ausdrückt. Dennoch kommt der Einstand als Label mit einer 7" einem finanziellen Selbstmord nahe. Ilias erklärt mir aber völlig selbstverständlich, dass er das Geld einfach hatte, da er Ende letzten Jahres viel mit seinem Projekt Vortex Rex unterwegs war und wenig stehende Kosten anfielen. "Ich habe ehrlich gesagt nicht so viel darüber nachgedacht. Ich fragte Go Die Big City! ob sie ihre Aufnahmen nicht veröffentlichen wollen und sie wollten das unbedingt als 7" machen.“ Und dann steckte er das Geld einfach in die Platte. Zum Glück.

Wenn man so will, prangt zurecht das Wort Independent über Seayou. Kannst du mit dem Begriff heute noch etwas anfangen? Auch im Bezug auf eure DIY Attitüde?
"Independent ist schon OK, auch wenn er mittlerweile einen altmodischen Touch hat. Ich will natürlich, dass möglichst viele Leute Zugang zu der Musik haben, die ich selber mache oder herausbringe. Mir ist aber schon wichtig, dass das in einem rahmen geschieht, in dem ich mich wohl fühle. Es ist cool mit Leuten zusammenarbeiten, die den gleichen sinn für Action und Ästhetik haben und die auf die gleiche Art Party machen."

Seayou und Fettkakao sind eng miteinander verwoben. Ihr verzichtet beide bislang auf Veröffentlichungen, die den vulgären Nerv der Zeit treffen; will sagen kein Retro Rock, keine Imagebands, keine Deutschpopallstars. Inwiefern siehst du die beiden Label als Möglichkeit für musikalische Verweigerer und Flüchtlinge?
"Sowohl ich als auch der Andi von Fettkakao haben glaub ich schon halbwegs genaue Vorstellungen von dem, was wir Veröffentlichen wollen. Das hat nicht wirklich was mit Musikrichtungen oder bestimmten Images zu tun. Man kann es schwer erklären, weil so viele Faktoren dabei wichtig sind. Ich lebe schon für Musik; Ich höre sie ständig und denke ständig daran. Ich will ehrlich gesagt auch nicht zu viel darüber nachdenken was ich grundsätzlich veröffentliche oder nicht. Was passiert, das passiert."

Wie wichtig ist die lokale Verankerung für euch und inwiefern tragt ihr vielleicht zu einem neuen Selbstverständnis, einer bestimmten Interpretation der Wiener Musikszene bei?
"Als ich mit dem ganzen angefangen habe vor ca. einem Jahr, wollte ich so etwas wie eine neue Infrastruktur schaffen; für mich, meine Homies, deren Musik und anderen Outputs. Ich hab schon länger gemeinsam mit freunden Konzerte für tourende Bands veranstaltet, die sonst in Wien niemand gemacht hätte. Von daher war das mit den Konzerten dann gar nicht schwer. Platten herausbringen war schon neu und ursprünglich auch gar nicht so geplant. Wien selber finde ich als Stadt schon sehr super, wenn man von dem zu kalten und langen Winter mal absieht. Vor allem in letzter zeit hat sich dort viel getan. Und ich bin noch immer oft überrascht von neuen, coolen Bands, Orten usw. Was wir machen ist ja in gewisser Weise schon irgendwie familiär. Deswegen weiß ich nicht, ob sich das in irgendeiner weise auf ein Selbstverständnis als Solches auswirkt."

Im Gegensatz zur überwiegend desolaten Radiolandschaft in Deutschland, lies euer öffentlich rechtlicher FM4 Go Die Big City! für eine Studio Session spielen. Wie kam es dazu und wie wichtig ist ein solcher Auftritt für euch als Band und für die Musikszene in Österreich?
"Das mit FM4 hat uns auf jeden Fall eine Menge geholfen und uns auch konzerttechnisch auf eine andere Ebene katapultiert. Es ist irgendwie lustig, wenn man die meiste Zeit seines Lebens in Squats, Jugendzentren und Wohnzimmer spielt und dann auf einmal auf riesigen Bühnen herumsteht. Ich glaube FM4 will durch den Soundpark österreichische Musik fördern, was eigentlich schon super ist. Und ich finde in der Tat, dass sich, wie eben gesagt, schon einiges getan hat im vergleich zu früher. Und FM4 hat durch seine große reichweite sicher einen Anteil daran."

Die beiden ersten Veröffentlichungen sind ja relativ gegensätzlich, wenn man sie rein formal und besetzungstechnisch betrachtet. Dennoch steckt viel Netzwerkarbeit dahinter. Was hat es mit dieser Gemeinschaft auf sich, mit den Bands und Solisten, die sich immer wieder gegenseitig supporten?
"Mir hat das ganze Feature Konzept aus dem Hip Hop sehr gut gefallen. Deshalb wollte ich das auf der Vortex Rex Platte auch so haben. Es macht mehr Spaß und man hat schon eine viel schönere Zeit während der Produktionszeit. Es gibt viele Gründe andere in seine Projekte mit einzubeziehen. Es hat sich eben in dem Zeitraum gut angefühlt und ich bin persönlich sehr froh, dass wir bis jetzt nur Sachen gemacht haben, die sich sehr natürlich angefühlt haben und nicht erzwungen wurden. Ich will mit Seayou kein Label sein, dass sich Stil technisch irgendwie beschränkt. So gesehen will ich dezidiert kein indie, lofi, oder was auch immer bis jetzt für Attribute gefallen sind, Label sein. Das schöne daran ist, dass sich alles entwickelt und dass niemand sagen kann, wie es das tut. Und das ist super spannend gerade. Ich wollte lange kein Label haben aber Go Die Big City! und Paper Bird haben das geändert und jetzt bekommt das alles irgendwie seinen eigenen Platz. Und mittlerweile ist das ja auch extrem viel Arbeit. Aber eben 'natürliche' Arbeit, die Spaß macht."
foto: anna kohlweis


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